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Datum: 29.01.1999 ;
Ressort: Feuilleton ;
Autor: Abini
Zöllner;
Seite: 9 und 10
Mehr über Abini Zöllner in Die
Zeit.
Malcolm X sitzt sechs lange Jahre im Gefängnis. In dieser Zeit tastet er sich an die Literatur heran. Als erstes studiert er ein Lexikon, denn ihn interessieren die Definitionen der Farben schwarz und weiß. Dies ist der Moment, in dem Malcolm X die tiefen Verwurzelungen des Rassismus begreift. Noch im Gefängnis entwickelt sich der Kleinkriminelle zum Bürgerrechtler. Das war im Jahre 1946, in den USA.
Deutschland in den 90ern: Auch hier gilt traditionell, daß Schwarz die Farbe des Todes und der Trauer sei, daß kirchliche Würdenträger die Farbe als Ausdruck der Weltverachtung wählten. Schwarz ist auch der Teufel, die Dunkelheit, das Symbol des Gesetzeswidrigen (schwarzer Markt), des Bösen (schwarzer Mann), Makabren (schwarzer Humor) und Okkulten (schwarze Messe). Weiß dagegen wird als Farbe des Lichts und der Reinheit, der Offenbarung und der Unschuld definiert. Weiß ist frei von Sünde, weiß ist der Neuschnee. Menschen heiraten in Weiß, Gott ist ein Weißer. Weiß ist das Gute. Die Definitionen sind dieselben wie zu Zeiten von Malcolm X: aus rassistischen Traditionen kommend und das Unterbewußtsein gefährlich prägend.
Die Deutschen, die ein Bewußtsein für Antirassismus entwickelt haben, erben auch mit den überlieferten Deutungen der Farben noch heute Vorurteile. Die Auswirkungen bekommen auch Deutsche stark zu spüren, Schwarze Deutsche. Die meisten Schwarzen Deutschen sind Afro-Deutsche und Farbige, die in Deutschland geboren sind oder einen wesentlichen Teil ihres Lebens hier verbracht haben. Sie schufen für sich den Eigennamen Schwarze Deutsche, weil sie Bezeichnungen wie Neger oder Mulatten als demütigende Beschimpfungen empfinden. Es ist nicht bekannt, wieviele Schwarze Deutsche hier leben. Das ist eigentlich ein gutes Zeichen, unterstellt man, daß die Statistik keine Hautfarben berücksichtigt.
Die Statistik erfaßt aber Zahlen von außerordentlich brutalen Übergriffen auf Andersaussehende. In einigen Regionen gehören solche Ausfälle zu den Ausnahmen, in einigen Regionen zur Regel. Allein in Berlin überlegt es sich jeder Farbige, ob er ins Brandenburger Umland fährt. Wer es sich leisten kann, meidet dabei die öffentlichen Verkehrsmittel. Ein schwarzer Berliner sagt: "Es ist nicht mein Schicksal, daß mein Arsch auf Grundeis geht, wenn Glatzen vorbeimarschieren. Das ist öffentliches Versagen." Noch müssen farbige Deutsche "deutsche Umstände" vorhersehen, um nicht durch ihr Äußeres zur Provokation zu werden. Sie sind in der absurden Situation, sich in ihrer Heimat gezielt ihren Lebensraum auswählen zu müssen.
Dabei gilt Berlin unter Schwarzen Deutschen bundesweit als die mit Abstand "freundlichste Stadt". Doch im Alltag erleben sie hier immer wieder Begegnungen, die im Einzelfall harmlos, durch stete Wiederholungen jedoch diskriminierend wirken. Oft sind es die kleinen Floskeln aus denen das Unter-Bewußtsein spricht: Farbige Deutsche werden beispielsweise gern gefragt, aus welchem Land sie kommen und wie lange sie noch bleiben wollen. Ein schwarzer Hertha-Fan muß sich fragen lassen, warum er "sich das antut". Beim Einkauf werden Schwarze Deutsche schärfer von den Verkäuferinnen beobachtet als andere Kunden. Die Toleranz hat ihre Grenzen und diese sind fließend zum latenten Rassismus.
Pauschalisierungen gibt es aber auch von den Betroffenen: "Farbige stehen unter dem Druck, beweisen zu müssen, daß sie vollwertige Menschen sind", sagt Cherno Jobatey. Der ARD-Moderator ist einer der prominentesten Schwarzen Deutschen und wird gern zu Diskussionsforen geladen. Doch verleitet sein Auftreten dazu, ihn als Sprachrohr einer Minderheit zu sehen. Dabei kann Jobatey nicht anders, als nur über persönliche Erfahrungen zu referieren: "Wir müssen immer besser sein als die anderen, dadurch sind wir besser." Das ist seine subjektive Wahrnehmung. Objektiv gesehen, wird niemand behaupten, daß die Österreicherin Arabella Kiesbauer eine bessere Moderatorin sei als ihre weißen Kolleginnen.
Farbige sind in unserer Gesellschaft nicht nur Opfer. Einige profitieren davon, daß sie von Trendforschern für hip erklärt werden. Sie bekommen im Model- und Showgeschäft Angebote, auch wenn ihre Qualitäten nicht an die üblichen Anforderungen heranreichen. Sie gehen auf die Bühne, weil es heißt, Schwarze könnten gut singen und tanzen. Sie moderieren Sex-Talkshows, als müßten sie ein bißchen Buschakrobatik in müde deutsche Betten suggerieren. Sie spielen in deutschen Filmen die attraktiven Geliebten und unterstützen so die Fernsehwahrheit, die sie nicht als Ärzte, Lehrer oder Rechtsanwälte verträgt. Schließlich bedienen sie, was sie gleichzeitig anprangern: die reine Definition über ihre Hautfarbe. Ist es Doppelmoral oder Zwiespalt?
Farbige Deutsche befinden sich im Konflikt. Mit der Zeit empfinden sie das Schwarz-Weiß-Denken um sich herum als rassistische Falle. Schon im Kindesalter müssen sie damit umgehen, von den Erwachsenen wegen ihrer Hautfarbe getätschelt und von den Kindern wegen ihrer Hautfarbe beschimpft zu werden, obwohl sie sich nichts sehnlicher als Gleichbehandlung wünschen. Oft treibt ein Erlebnis farbige Kinder dazu, sich lange mit Seife zu waschen, um heller zu werden. Ein ganzes Leben werden sie mit den positiven und negativen Vorurteilen konfrontiert, ohne sich ihnen entziehen zu können.
Zu diesem fügt sich oft ein weiteres Identitätsproblem. Schwarze haben in Deutschland keine Tradition und kaum Geschichte. Nur wenige Schwarze Deutsche sehen Deutschland als ihre Heimat an. Viele fühlen sich heimatlos. Afrodeutsche, die sich tatsächlich eines Tages mit einem Auswanderungsgedanken zum anderen Elternteil tragen, wissen, daß sie es als Mischlinge auch in Afrika sehr schwer hätten und dort kaum akzeptiert würden. Aus diesen Gründen haben einige in Deutschland ein Forum für sich geschaffen: die Black Community. Sie soll ihr schwarzes Bewußtsein stärken.
Auf dem Black History Month, einem Veranstaltungszyklus der Black Community, der sich jedes Jahr im Februar der schwarzen Geschichte widmet, wird von Sonntag an wieder das schwarze Bewußtsein diskutiert. Weißes Publikum ist zu den meisten Foren nicht zugelassen, weil sich die schwarze Gemeinschaft erst einmal finden möchte. Noch ist die Black Community ein Bündnis aus Gruppen, deren Meinungen weit auseinandergehen.
Das bestätigen die Eindrücke vom vergangenen Black History Month. Einzelne Vetreter debattierten, daß Afrika kein Einwanderungskontinent war, die Einheimischen tief verwurzelt sind und dort wahrscheinlich auch der erste Mensch lebte, also Afrika die Wiege der Menschheit ist deshalb alle Menschen Afrikaner seien. Ein Argument, das in der Diskussion unterschiedlich interpretiert wurde. Es entfachte sich ein Streit über die afrikanische Kultur oder besser: die afrikanischen Kulturen, und es zeigte sich, daß einige Schwarze Deutsche afrikanischer sein wollten als die anwesenden Afrikaner. Für die Gegenwart bleibt festzuhalten: Nicht alle Schwarzen sind Afrikaner, nicht alle Afrikaner sind schwarz. Nicht alle Deutschen sind weiß.
Eine Rednerin erklärte, wenn ein Kind denkt, es sei zu 50 Prozent schwarz und seine Kinder würden zu 25 Prozent schwarz sein, müsse man dem Kind begreifbar machen, daß es ein "bißchen schwarz" nicht gibt. Warum eigentlich nicht? Mischlingskinder können schwarz und weiß in sich akzeptieren. Ihre Mischung muß in keine rassistische Falle führen, sondern kann auch Reichtum bedeuten.
Die Black Community, das zeigt sich, ist noch keine einflußreiche Bewegung. In ihr vereinen sich so viele Meinungen wie unterschiedliche Biographien: Da gibt es Ost-West-Auseinandersetzungen, männliche und weibliche Beobachtungen, toleranten Umgang mit und Ablehnung gegen Weiße, völlig unterschiedliche Erfahrungen von Großstädtern und Farbigen aus Kleinstädten, persönliches Selbstmitleid und Willen das ganze Spektrum, das Minderheitenverbände zu bewältigen haben, wenn sie sich mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner erklären.
So kann die Gemeinschaft nicht in Routine verfallen kann. Es bleiben aber viele Fragen offen. Etliche Schwarze Deutsche kann die Black Community nicht überzeugen. Der Viva-Moderator Mola Adebesi sagt beispielsweise: "Wenn ich mich finden will, gucke ich ins Telefonbuch". Ist dies Überheblichkeit, Leichtsinn?
Schwarze Deutsche leben heute nicht wie schwarze Amerikaner zu Zeiten Martin Luther Kings. Es gibt keine Gesetze einzufordern, weil juristisch die Gleichheit hergestellt ist. Dennoch gibt es im gesellschaftlichen Mit- und Nebeneinander noch viele Konfrontationen. Solange Leute denken, daß Schwarzsein etwas Problematisches ist, muß die Black Community als Interessengemeinschaft Erfahrungen bündeln und Stichworte für Probleme geben. Möglicherweise gelingt ihr eines Tages eine politische Allianz.
Doch zuvor muß sie sich formulieren können. In einigen renommierten deutschen Zeitschriften und Magazinsendungen hatten Schwarze Deutsche schon die Gelegenheit, über ihre Probleme zu reden. Nur wenigen gelang es, ihre Situation in gesellschaftliche Zusammenhänge zu bringen. Manche nutzten die Medien, um auch charakterliche Vorwürfe gegenüber ihrer Person zum kollektiven Rassismus aufzubauschen. So als würden sich Weiße Schwächen wie Unpünktlichkeit, Arroganz oder eine üppige Leibesfülle nicht vorhalten. Fast alle Journalisten haben die allgemeinen und teilweise forschen Reduzierungen auf die Hautfarbe artig abgedruckt oder kommentiert. Nicht nur, weil es nicht im Dienst der Sache steht, Gegenteiliges zu dokumentieren, sondern auch, weil es noch immer Hemmschwellen vor Andersaussehenden gibt. Schwarze Deutsche haben insofern Angst vorm weißen Mann, als sie sich ihm nicht öffnen können, ohne zu befürchten, daß ein nationaler Propagandist dies unheilvoll und zusammenhanglos ausschlachten wird. Es gibt Berührungsängste auf beiden Seiten. Aber, gibt es überhaupt zwei Seiten, zwei Lager, ist die Gesellschaft schwarz-weiß?
Malcolm X betrieb eine Zeit lang antisemitische Stimmungsmache. Seinen rasantesten
Aufstieg, seine größte Popularität erfuhr er, als er mit rassistischen
Parolen gegen die Weißen zu Felde zog. Also als er Instinkte ansprach
und nicht die Intelligenz. Das war der Moment, als er sich vom Bürgerrechtler
wieder zum Kriminellen entwickelte: unfähig, die lexikalische Farbenlehre
ins Mittelalter zu verweisen. Die Schwarzen Deutschen aber schreiben ihre Geschichte
erst noch.